Alte Hemden – edler Look

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Heute darf ich hinter die Kulissen von Sandra Schimmele blicken, die seit 2017 ein Start-up-Unternehmen betreibt. Aus alten Herrenhemden, Produktionsüberhängen und ähnlichem fertigt sie exklusive Unikate für Frauen und Kinder. Ihr Unternehmen ist noch sehr jung und klein. Gemeinsam mit einer Schneiderin und in Zusammenarbeit mit Behindertenwerkstätten entstehen individuelle Kleidungsstücke und Accessoires in höchstem Upcycling-Anspruch. Ich fand diese Idee so inspirierend, dass ich Sandra um ein Interview bat.

Wie entstand die Idee, ausgerechnet aus getragener Männerkleidung neue Kleidungsstücke zu fertigen?

Das Unternehmen entstand aus einer simplen Idee und einer Problemlösung. Mein Lebensgefährte sortierte gerade seine hochwertigen Hemden aus, die jedoch nur am Kragen verschlissen waren. Die Kleiderkammern können defekte oder verschmutzte Kleidungsstücke nicht verwerten. Also in den Müll damit? Viel zu schade! Also hatte ich die Idee aus den „Stoffstücken“ sinnvolle und vor allem schicke Kleidungsstücke zu nähen. Angefangen mit einigen Kindermodellen bis hin zur ersten Bluse die aus drei verschiedenen Hemden entstand.

Heißt das, ausrangierte Frauenkleidung ist für Deine Mode weniger geeignet?

Ja und Nein. Es hängt ein wenig vom Kleidungsstück selbst ab. Da wir die Kleidungsstücke komplett „zerlegen“ ist für uns interessant wie groß danach die Stoffstücke sind. Bei Damenbekleidung, vor allem bei Blusen, sind häufig Abnäher eingenäht, die die Stoffstücke trennt. Das macht die Stücke sehr schmal und sind schwieriger für die Verarbeitung. Inzwischen verarbeiten wir auch Seidentücher und andere Kleidungsstücke in unseren Unikaten und für die Erinnerungsstücke.

Du fertigst ja fast ausschließlich Blusen für Damen und Kinder, für Mädchen auch mal Kleider. Hängt dies mit dem Ursprungsmaterial zusammen? Sind andere Kleidungsstücke weniger geeignet?

Nicht ganz :-), für kleine Jungs fertigen wir auch schicke Hemden. Es hängt tatsächlich von der Größe des Endprodukts ab. Wir möchten dass man unseren Produkten das Upcycling nicht ansieht. Für große Größen, beispielsweise Herrenmodelle müssten wir mehr stückeln,das bedeutet, es wird bunter und sieht sehr nach Patchwork aus. Das passt nicht zu unserem Style. Wir kommen schon bei großen Damengrößen an unsere Grenzen. Aber wir tüfteln und optimieren immer, sodass es edel uns schick bleibt.

Da es sich um Unikate handelt, ist es sicher schwierig, den individuellen Geschmack der Kundinnen zu treffen. Wenn mir beispielsweise eine Bluse in Größe 36 besonders gefällt, ich aber eine 42 trage, kann ich mir wahrscheinlich dasselbe Modell nicht nachfertigen lassen. Ist dies nicht ein großes Risiko an den Wünschen vorbei zu produzieren?

Ja, natürlich. Aber es sind eben Unikate. Ich vergleiche das mal mit einem Oldtimer oder mit Antiquitäten. Hier finde ich auch nicht immer genau das Modell in den richtigen Maßen oder der richtigen Ausführung. Trotzdem bleibt es etwas absolut Einzigartiges und wird oft zum Lieblingsstück. Natürlich versuchen wir das Design so zusammenzustellen, dass wir eine hohe Akzeptanz der Kunden bekommen. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass die besonders ausgefallenen oder ganz schlichten Stücke am beliebtesten sind.

Man kann sich bei Dir aus eigenen, geliebten, nicht mehr verwendeten Kleidungsstücken individuelle Unikate schneidern lassen. Das ist eine tolle Idee und rettet sicher manches Kleidungsstück. Bietest Du darüber hinaus auch Unikate, die man sich gemeinsam mit Dir und den vorhandenen Ressourcen designen kann?

Der Schwerpunkt ist, den aussortierten Lieblingsstücken ein zweites Leben einzuhauchen. Was uns aber auch sehr am Herzen liegt, sind Stücke zu gestalten die zum Beispiel von verstorbenen Familienmitgliedern sind, von Opa, Oma, der Vater. Oft werden Unmengen an Kleidungsstücken hinterlassen und sich davon zu trennen fällt schwer. „Wir nähen Erinnerungen ein“ so das Motto. Oftmals werden mehrere Stücke gefertigt und dann unter den Familienmitgliedern wieder verschenkt und so hat jeder ein alltagstaugliches Erinnerungsstück, dass einen jeden Tag begleiten kann. Etuis aus Krawatten sind hierfür sehr beliebt. Aber wir bieten auch andere Modelle an wie Kissenhüllen, Laptophüllen oder Kulturtaschen-Sets. Natürlich auch unsere Blusen.

Das funktioniert übrigens auch sehr gut online. In 5 Schritten kann eine Vorauswahl getroffen werden. Das Paket mit den Kleidungsstücken kommt zu uns und dann besprechen wir anhand der angegebenen Informationen die Details, per Telefon oder Video Chat. Ganz individuelle Stücke fertigen wir bisher nicht, aber je nach Anfrage können wir auch individuelle Wünsche der Kunden umsetzen.

Wie muss man sich Deinen kreativen Prozess vorstellen? Wie entscheidest Du, welche alten Hemden zu einem neuen Kleidungsstück werden und zu welchem Schnitt Du es verarbeitest?

Grundsätzlich sind bereits einige Vorarbeiten geleistet, bevor der kreative Part beginnt. Die Hemden werden bei Ankunft auf Ihre Qualität, Muster und Beschaffenheit geprüft. Dann werden sie gewaschen, geschnitten und nach Farben, Größe der Stoffstücke und Materialbeschaffenheit vorsortiert. Für jedes Modell gibt es einen sogenannten Schnittplan. Das heißt, hier wird aufgeführt, welche Schnittteile ich aus welchem Hemd schneiden kann. Das ist etwas schwierig zu erklären. Ich versuche es einmal an einem Beispiel. Aus drei oder vier zugeschnittenen Herrenhemden in XXL kann ich fast jede Blusengröße produzieren. Habe ich aber nur kleinere Hemden zur Verfügung, kann ich nur Größe 34 oder max. 38 produzieren. Das heißt, ich bin immer erstmal am prüfen, welche Möglichkeiten habe ich und daraus entwickele ich das bestmögliche Modell. Dann kommt noch die Auswahl der Knöpfe, Satinpaspel, Bänder oder Spitze. Außerdem möchten wir unseren Kunden auch in jeder Größe eine Auswahl bieten. Manchmal muss ich es auch davon abhängig machen, welche Größen fehlen. Es ist also eine Mischung aus Kreativität und Planung.

Übrigens Kleidungsstücke, die nicht den Anforderungen entsprechen bleiben trotzdem im Kreislauf. Wir spenden diese Stücke der Kleiderkammer. Zu sehr verschlissene Kleidung und auch unsere kompletten Stoffreste, vom Zuschnitt, bekommt die DRK Oranienburg, daraus werden noch Putzlappen etc. gewonnen.

Man kann auch Material an Dein Unternehmen spenden. In der Beschreibung, worauf Du dabei Wert legst, ist von hochwertiger Qualität die Rede und Du zählst einige Marken beispielhaft auf. Wie die meisten von uns wissen, sind gerade große Modeunternehmen oft noch nicht nachhaltig in ihrem Herstellungsprozess. Siehst Du darin ein Problem, deren Ware – die dann eben noch nicht nachhaltig entstanden ist – weiterzuverarbeiten?

Natürlich schwingt das immer mit und es macht mich wirklich traurig wie die meisten Kleidungsstücke hergestellt werden. Doch was ist die Alternative? Dann muss man sich die Frage stellen: Was passiert, wenn wir die Ware nicht recyceln? Diese Antwort finde ich genauso unbefriedigend. Wenn wir die Materialien nicht weiterverarbeiten, landen noch größere Mengen im Textilmüll, oft sogar im Restmüll. In der Industrie werden Überhänge auch einfach verbrannt.

Deshalb sehe darin eine Chance. Denn durch das hochwertige recyceln können wir wenigstens den Lebenszyklus verlängern und damit den Aufwand und den vorherigen Einsatz der Ressourcen für die Produkte etwas entschädigen.

Außerdem hoffe ich, dass durch unsere Arbeit und den vielen Unternehmen, die sich mit den gleichen Themen beschäftigen, insgesamt ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen. Wenn verstanden wird, auch mal über das Reparieren oder das Weiterverwenden nachzudenken. Oder sich über die Herstellung der Produkte zu informieren und auch das Preisdumping zu hinterfragen, sind wir auch einen Schritt weiter.

Du bist ja auch über das Hobby zu Deinem Unternehmen gekommen. Nähst Du eigentlich noch selbst und hast Freude daran?

Ja, ich nähe seit ich 15 bin. Gelernt habe ich das autodidaktisch. Habe aber immer Schneider*innen mit meinen Fragen genervt. Und ja, ich versuche schon seit langem mal wieder etwas für mich selbst zu nähen. Das stellt sich aber tatsächlich eher schwierig dar. Ideen habe ich mehr als genug. Meine Ideen fließen doch meistens in Hemd´s Up. Ich nähe alle Prototypen selbst, bevor Sie als Modell festgelegt werden. Für mich ist eben das Hobby zum Beruf geworden und ich entwickle nur Modelle, die ich auch selbst trage. Somit nähe ich auch irgendwie für mich. Zu sehen, dass jemand ein Kleidungsstück trägt, das von mir entwickelt und gestaltet wurde, macht eigentlich noch mehr Freude.

Welche Pläne hast Du für die nächsten beiden Jahre? Gibt es neue Produktlinien oder kann man in diesen Zeiten gar nicht wirklich planen?

Foto: www.der-gottwald.de

Anfang des Jahres wollten wir mit unseren neuen Jacken „Cocktail“ in Serie gehen. Sie besteht aus bis zu 7 verschiedenen Materialien. Basis sind oftmals Stoffreste aus Designerkollektionen, gepaart mit verschiedenen Materialien wie beispielsweise Chinos. Dann kam aber der Shut Down dazwischen. Deshalb gibt es hiervon erstmal nur wenige Stücke. Ebenso haben wir jetzt die ersten „Home“ Produkte, wie zuvor erwähnt, im Sortiment. Modelle aus Jeans, Chinos oder Anzügen. Für Kunden interessant, die sich ein „Erinnerungsstück“ fertigen lassen möchten. Wir möchten hier eine Vielfalt anbieten, die für viele Menschen attraktiv ist, zu attraktiven Preisen. Noch einige schicke Accessoires aus Krawatten stehen auch noch auf der Liste. Ebenso die ein oder andere Sommerbluse. Es schlummern noch so einige Ideen. Da wir in unsere Produktion Menschen mit Handikap integrieren und das auch weiterhin fördern möchten, benötigen wir auch immer einen gewissen Vorlauf, um die Produkte und die Prozesse so zu gestalten das wir die Mitarbeiter in den Behindertenwerkstätten gut anlernen können, sie zu fördern und nicht überfordern. Da wir sehr zeitlose Modelle anbieten, unterliegen wir keinem Trend, nur unserem eigenen hohen Anspruch.

Gibt es die Möglichkeit, mit Dir direkt in Kontakt zu kommen? Findet man Deine Produkte auf Märkten oder Messen?

Ja, natürlich. Ich nehme oft bei Messen oder Veranstaltungen teil. Zum Beispiel in den Pop Up Stores von Fashion Exchange* ist Hemd´s Up zu finden. Das sind für einen kurzen Zeitraum gestaltete „Boutiquen“ mit tollem Ambiente. Hier findet man außer uns verschiedene Designer*innen die jenseits von Mainstream produzieren, meist nur Kleinserien. Diese Veranstaltungen finden in ganz Deutschland statt.

Aber auch auf Handmade Messen sind wir vertreten. Die Termine veröffentlichen wir in unserem Blog, im Newsletter oder auf Social-Media-Kanälen. In Berlin findet man auch Produkte von uns im Kreativ Kaufhaus – VIELFACH, direkt am Check Point Charlie. Ansonsten natürlich im Atelier, Termine am besten mit Voranmeldung.

Vielleicht findet man Hemd´s Up bald in der ein oder anderen Boutique, daran arbeiten wir.

Hier findet ihr die kompletten Kontaktadressen und mehr Infos:

Hemd‘s Up.

UPCYCLING. ANZIEHEND. ANDERS.

Hradeker Str.11a

16761 Hennigsdorf

www.hemds-up.de

hallo@hemds-up.de

Tel: 03302 – 49 45 850

Wertvolles Spenden: https://hemds-up.de/spenden

Wir nähen Erinnerungen ein: https://hemds-up.de/mein-persoenliches-unikat

Termine/ Messen/ Veranstaltungen: https://hemds-up.de/blog

Vielfach – Das Kreativkaufhaus: https://www.geschenke-berlin.com

Facebook: https://www.facebook.com/HemdsUp/

Instagram: https://www.instagram.com/hemds_up/

Pinterest: https://www.pinterest.de/hemdsup/

Xing: https://www.xing.com/profile/Sandra_Schimmele/cv

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/sandra-schimmele-72796584/

2 Kommentarte
  1. Ina 1 Monatvor
    Antworten

    Liebe Anke,
    das ist ja wirklich eine tolle Inspiration! Ich bin sehr begeistert von Sandra Schimmele und der Philosophie, die hinter ihrem Hemds-up-Unternehmen steckt. Vor allem die Idee der individuellen Erinnerungsstücke finde ich wunderbar. Tolle Entdeckung, die Du da gemacht hast!
    Liebe Grüße
    Ina

  2. Nicht mein Stil, aber eine sehr spannende Geschichte und ein feiner Ansatz! Tolles Interview! Liebe Grüße, Gabi

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