Von wehenden, weißen Kitteln und anderer Berufsbekleidung

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Sehr zu meiner Freude ist heute Katrin vom Instagram-Account @katrin_macht_das_schon bei mir zu Gast. Katrin ist Allgemeinärztin, Mutter von zwei Kindern und hat außer unseren gemeinsamen Hobbys Nähen und Stricken noch viel mehr, womit sie ihre Freizeit verbringt. Und da sie mir das Interview aufgenommen hat, will ich euch das nicht vorenthalten. Heute gibt es also etwas zum Lesen (gemeinsam mit ihr in der Schriftform geglättet 😉), wer aber lieber ihren Antworten lauschen will, bekommt auch etwas auf die Ohren.

Das Nähen wurde ihr quasi schon in die Wiege gelegt: ihre Mutter hat schon viel gestrickt und genäht, ihre Oma hat ihr alles genäht, was sie sich gewünscht hat. Und ihre Lieblingsbeschäftigung als Kind war es, mit der Oma zu Karstadt zum Stoffe shoppen zu gehen. Von ihr hat sie auch ihre erste Nähmaschine geerbt bekommen: eine alte Pfaff Varimatic, auf der sie noch heute näht.

Selbst mit dem Nähen begonnen hat sie 2013 während der Elternzeit, damals mit einem Babybody und einer Babyhose, um dann schnell zu solch größenwahnsinnigen Projekten wie einem Hemdblusenkleid überzugehen. Ihre Mutter brachte ihr das Stricken bei, die Nachbarin Sticken, es gab also immer irgendein kreatives Hobby in ihrer direkten Umgebung, das hat abgefärbt.

Was für sie die Kreativität so besonders macht, warum sie eigentlich nie nichts machen kann und warum selbst Ärtzinnen selbstgemachte Kleidung im Berufsleben toll finden, darüber spricht sie mit mir heute. Viel Spaß also beim Lesen oder Hören!

Du bist ja Ärztin. Warum hast Du Dich trotz des sicherlich stressigen Berufes den kreativen Hobbys Nähen und Stricken zugewendet? Oder ist das für Dich ein Ausgleich?

Ich habe die Entscheidung, nähen zu wollen, nicht bewusst getroffen, ich bin da durch mein Babyprojekt reingerutscht. Ich stand 2013 an einem Wendepunkt, privat durch meine Schwangerschaft und beruflich. Ich wollte vorher Internistin werden. Ich wollte mit einem wehenden weißen Kittel durch die Flure eilen und Menschenleben retten. Leider habe ich aber bitter die Erfahrung machen müssen, dass ich nicht so stressresistent war, wie ich annahm und ich mit dem Druck in der Klinik und mit dem schnellen Patientenumsatz nicht so gut zurechtkam.

Ich musste mich also neu aufstellen, bin in die Allgemeinmedizin gegangen und habe gelernt was eine richtige Sprechstunde ist. In meiner Sprechstunde nehme ich mir noch richtig viel Zeit, die Patienten kommen zu Wort und auch ich muss viel sprechen.

Dann brauche ich abends dringend eine Zeit mit Ruhe. Das habe ich auch gelernt. Ich finde es unglaublich befreiend, dann nichts schnell entscheiden zu müssen und schweigen zu können so viel ich möchte, endlich läuft es in meinem Tempo und ich bin nicht mehr fremdbestimmt.

Wenn ich den Abend lieber mit meinem Mann auf dem Sofa verbringe, dann hole ich gerne das Strickzeug raus. Und ehrlich gesagt schweigen wir selbst dann recht häufig.

Welche anderen Hobbys/Interessen pflegst Du noch?

Ich mache klassische Musik und Popmusik, ich liebe Konzerte, Festivals und Schauspiel, ich kann aber auch stundenlang Indiealben auf Spotify lauschen.

Darüber hinaus habe ich gelernt wie wichtig körperliche Bewegung für mich ist, damit kann ich meine psychische Gesundheit stabilisieren. Natürlich schaffe ich nicht, das alles immer zu verwirklichen, aber ich erinnere mich daran, wenn es mir schlecht geht und kann dann selbst etwas dagegen tun.

Hast Du überhaupt genug Zeit, Dich neben Job und Familie Deinen Hobbys zu widmen?

Diese Frage wird mir sehr häufig gestellt. Ich muss mir die Zeit dafür bewusst nehmen. Zuhause kann ich im Haushalt alle fünfe gerade sein lassen, es muss nicht alles perfekt sein, nicht besonders aufgeräumt oder gut geordnet. Ich priorisiere meine knappe Zeit dann so, dass ich auf mich selbst Rücksicht nehme.

Zum Beispiel während des Lockdowns wegen Corona im Frühjahr 2020 hatte ich so gut wie keine Zeit für mich und das war nicht gut für mich, mir hat mein Freiraum gefehlt, meine Bewegung, meine Nische, um kreativ zu werden.

Aktuell habe ich dadurch, dass Kindergarten und Schule wieder im gewohnten Umfang stattfinden, Gott sei Dank abends wieder ca. 90 Minuten zur freien Verfügung, in denen ich mich bewusst nicht um den Haushalt kümmere, sondern in denen ich mir selbst wichtig bin.

Auf Instagram zeigst Du gerade Fotos von selbstgenähter Garderobe, die professioneller für Deinen Beruf aussehen. Warum ist das ein Anliegen für Dich? Gab es etwa Kommentare zu Deiner farbenfreudigen Kleidung unter dem Artzkittel?

Ganz im Gegenteil! Es ist tatsächlich so, dass einige Patienten zu mir gesagt haben: Mensch Frau Doktor, sie haben ja gar keine bunten Hosen mehr an und keine Kleider mehr, was ist passiert?

Ich habe in letzter Zeit ein Störgefühl gehabt damit, dass ich morgens zuhause die Kleidung anziehe, die ich den ganzen Tag trage und in der ich abends auf dem Sofa liege. Es wäre sicherlich schon lange besser gewesen, da eine Trennung vorzunehmen, aber erst die Coronapandemie hat mein Bewusstsein für Hygiene dahingehend geschärft.

Es ist für mich nicht mehr schlimm, meine Individualität an der Garderobe abzugeben und in die konformistische Rolle eines Arztes zu schlüpfen. Und ich habe Hosen, die richtig gut sitzen! Wer kann das von seiner Berufsbekleidung schon sagen?

Es war aber wirklich so, dass ich in allen Jahren als Allgemeinmedizinerin immer nur positives Feedback dafür bekommen habe, dass ich mich farbenfroh gekleidet habe, das ging vom Kleinkind bis zur 90jährigen Dame.

Wie würdest Du denn Deinen Stil beschreiben und wo oder durch wen lässt Du Dich inspirieren?

Mein Stil ist alles andere als leise. Ich bin so froh, dass ich endlich das anziehen kann, was ich anziehen möchte, dass ich mich traue, das anzuziehen, was ich möchte! Es war ein langer Weg bis mein Selbstbewusstsein das zugelassen hat. Geradlinig ist mein Stil nicht, eher wild und manchmal etwas schräg.

Ich werde wohl eher unbewusst inspiriert, schon allein durch die Bilderflut auf Instagram. Und ich werde durch die Kombination aus Stoff und Schnittmuster inspiriert. Deshalb habe ich kein Stofflager zuhause. Es muss mir beides auf einmal im Kopf zusammenkommen und schon habe ich eine kreative Eingebung. Dafür gehe ich dann auch viel lieber in Stoffläden vor Ort als online zu shoppen.

Spielt Nachhaltigkeit bei deinen kreativen Hobbys eine Rolle? Und wenn ja, wie interpretierst Du sie?

Diese Frage kann ich gar nicht so einfach beantworten. Aber es beschäftig mich sehr! Seit 2017 habe ich so gut wie keine Kleidung mehr gekauft. Ursprünglich wollte ich das ein lang Jahr probieren, aber es wurde mir zum Alltag und inzwischen habe ich überhaupt kein Bedürfnis mehr, zu Kleidung von der Stange zu greifen. Ist das nachhaltig? Meine Kinder tragen fast nur Kleidung von der Stange, und das noch nicht mal von einem Ökolabel… Das ist nicht nachhaltig.

Auch meine Stoffe sind häufig nicht aus zertifizierter Produktion, aber ich spüre, dass sich da bei mir was tut. Ich achte zunehmend darauf, dass die Stoffe nachhaltig sind, ich möchte weniger Müll beim Zuschnitt produzieren und ich werde definitiv ein Weihnachtskleid nach einem „zero waste“-Schnittmuster machen. Am liebsten aus einem Recycling Stoff von Lebenskleidung?

Es gibt noch so viel zu tun und ich bin so ein kleines Rädchen in der Gesellschaft, vielleicht können viele von uns in unterschiedlichen Bereichen zusammen helfen? Jeder ändert ein bisschen? Jeder tut was er kann?

Du bist ja – ähnlich wie ich – eher am Rande der „Nähszene“ unterwegs. Warum hast Du Instagram gewählt, um Dein Kreationen zu teilen? Was bringen Dir die sozialen Medien?

Ich habe Instagram eigentlich nur aus Faulheit gewählt. Meine Zeit ist rar, daher brauche ich eine Plattform, die einen schnellen Zugriff erlaubt. Ich muss mir vorher nicht lange überlegen, was ich schreiben soll, ich muss den Computer nicht auspacken, keinen Blog pflegen. Meine Hochachtung allen Bloggern, das ist ein enormer Zugewinn für die Szene. Foto, kurzer Text und los geht es. Darum bin ich aber wohl auch am Rande der Nähszene unterwegs, die Fotos sind nämlich fast immer von schlechter Qualität.

Ich genieße es sehr, dass man sich auch eine persönliche Nachricht schreiben kann, auch das englischsprachige Ausland ist dabei nicht Tabu. Ich folge „Makern“ in Japan, England, Frankreich, Russland, im arabischen Raum etc., mit denen könnte ich sonst niemals Kontakt kriegen.

In meiner direkten räulichen Umgebung gibt es keine „Maker“ mit denen ich meine Begeisterung für Einlagen, Bundverarbeitung und Reissverschlüsse teilen kann. Dafür liebe ich dieses Instagram.

Trotzdem wäre es nicht fair, nicht zu erwähnen, dass es auch frustrierend ist wenn ich keine Resonanz auf meine Beiträge bekomme.

Hast Du viele Ideen auf Halde oder bist du eher der Spontannäher, der etwas sieht und dann sofort Stoff und Schnitt besorgen und losnähen möchte?

Ich habe immer tausend Ideen, aber ich schreibe die nie auf. Nein, das ist gelogen, ich schreibe sie manchmal auf, in irgendein Buch und dann ist dieses Buch hier irgendwo und ich sehe nicht mehr hinein und dann weiss ich nicht mehr welche Ideen ich hatte. Aber das ist nicht schlimm, weil ich dann wieder neue Ideen habe.

Wie gesagt, entstehen Ideen bei mir immer aus dem Zusammenspiel aus Schnittmuster und Stoff. Das muss mit mir sprechen, der Stoff möchte dann etwas ganz bestimmtes sein, davon bin ich überzeugt, dann läuft das Projekt, dann passt alles zusammen.

Natürlich geht es beim Nähen um den Prozess, aber auch um ein schönes Ergebnis und dass man Selbstwirksamkeit erfährt, dass man merkt, dass man in der Lage ist, etwas hervorzubringen, Dinge zu steuern mit denen man dann zufrieden ist. Ich finde, dass man das in seinem Leben, vor allem als berufstätige Mutter, häufig vernachlässigt, man definiert sich nur noch über die Kinder, den Beruf und verliert sich selbst völlig aus den Augen.

An welchen neuen Projekten arbeitest Du gerade?

Ich komme gerade aus dem Stoffladen. Da ich heute Geburtstag habe [das Interview ist bereits ein paar Tage alt, Anm. d. Redaktion], habe ich mir zwei ruhige Stunden dort geschenkt. Hier habe ich einen wundervollen dunkelblauen Wollstoff mit Steppfutter gekauft, dazu Batisteinlage und einen Bügelamboss, denn ich arbeite gerade an einem Wintermantel. Das muss endlich mal klappen. Vor zwei Jahren habe ich einen wunderschönen Stoff völlig in den Sand gesetzt. Ich hoffe nun ein gutes Schnittmuster ausgewählt zu haben und auch meine Techniken verbessert zu haben. Also Daumen drücken für ein gutes Ergebnis und viel Geduld!

Wenn man Dich einmal persönlich kennenlernen mag, wo kann man das tun? Bist Du auf Nähevents oder Stoffmärkten anzutreffen?

Ich war noch nie auf einem Nähevent, das würde ich allerdings sehr gerne mal tun. Meine Zeit ist allerdings so rar und ich habe so viele Interessen, dass ich die verbleibenden Stunden lieber hier zuhause mit meiner Familie verbringe. Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust, weil ich euch endlich mal persönlich kennenlernen könnte.

Auf einem Stoffmarkt war ich einmal. Im Oktober, es regnete, es war voll, es war nicht schön. Das macht mir leider überhaupt keinen Spaß.

Es ist also wirklich schwierig mich kennen zu lernen! Am besten man lebt im Rhein-Main Gebiet, oder schreibt mir über Instagram.

Aktuell bin ich ein richtiger Nähstubenhocker!


Und wie immer gibt’s Empfehlungen meiner Interviewgäste gekennzeichnet im Shop.

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