Experimentierfreude bei piek & fein

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Heute darf ich meinen zweiten Interviewgast begrüßen. Es ist Julia vom Blog piek&fein, die ich 2018 beim Nähbloggertreffen in Hamburg kennengelernt habe und deren Blog ich sehr schätze. Wir beide sind gleich alt und haben einen ganz ähnlichen Stil. In jedem Fall mögen wir es ungewöhnlich und verstecken uns nicht gern hinter Basics. Deshalb lag es auf der Hand, Julia zu fragen, ob sie mir ein paar Fragen beantworten würde. Und zu meiner Freude hat sie ohne zu zögern zugestimmt. Herzlichen Willkommen, Julia!

Was machst Du beruflich und welche anderen Hobbys/Interessen hast Du noch?

Ich reise gerne und liebe es, Museen und Ausstellungen zu besuchen. Beides gibt mir auch Inspiration für meine Nähprojekte. Beruflich bin ich derzeit als Projektmanagerin in einem Digitalisierungsprojekt im Ruhrgebiet tätig.

Deine selbstgenähte Kleidung ist ja geprägt von ungewöhnlichen Schnitten und ausgefallenen Stoffmustern. Wie würdest Du Deinen eigenen Stil beschreiben? Was ist Dir wichtig bei der Wahl von Kleidungsstücken bzw. Stoff und Schnitt?

Ja, ich liebe ausgefallene Kleidung und das beschreibt wohl auch am besten meinen Stil. Interessante Kleidungsstücke zu nähen macht mir einfach viel mehr Spaß als langweilige Basics.

Bei der Auswahl von Stoff und Schnitt achte ich besonders auf das richtige Matching. Aus meiner Sicht ist es eine der größten Herausforderungen beim Nähen, dass die Stoffeigenschaften (Muster, Schwere, Fall etc.) gut zum Schnitt passen. Außerdem muss sich der Stoff gut anfühlen. Daher bestelle ich selten Stoffe online, sondern kaufe lieber in einem Geschäft oder auf einem Markt, wo ich die Materialien anfassen kann.

Ansonsten verlasse ich mich bei meinen Nähprojekten auf meine Intuition. Mit der Zeit entwickelt man ja ein Gespür für Stoffe und Schnitte. Ich habe noch nie eine Farb- oder Stilberatung gemacht. Ob ich ein Sommer- oder Wintertyp mit Apfel-, Birnen- oder sonstiger Figur bin, ist mir unbekannt und auch egal. Hauptsache, ich fühle mich wohl in meinen Klamotten.

Kombinierst Du auch auffallende Musterstoffe und extravagante Schnitte oder sollte eines von beiden eher schlicht sein?

Das kann ich nicht pauschal beantworten. Aber in der Regel gibt es diese Tendenz: Wenn ich einen extravaganten Schnitt nähe sind die Stoffe eher schlicht. Wenn der Schnitt unauffällig ist, kann ich das Kleidungsstück durch einen gemusterten Stoff aufpeppen. Außerdem finde ich, dass ein Hingucker beim Outfit genügt. Zu einer auffälligen Hose trage ich nicht noch ein auffälliges Oberteil.

Foto: piek&fein

Hast Du Tipps für die NäherInnen unter uns, die sich gern aus ihrer Komfortzone wagen wollen und sich bisher nicht getraut haben?

„Einfach machen!“, lautet mein erster Tipp. Ich kann mich noch ganz genau an mein erstes Nähprojekt erinnern  –  was bald 40 Jahre zurück liegt. Das war eine Hose (!) aus einem Karostoff (!) nach einem Vogue-Schnittmuster (!). Ich habe einfach losgelegt und die Hose ohne irgendwelche Vorkenntnisse zugeschnitten und genäht. Am Ende ist ein fertiges Kleidungsstück herausgekommen und durch Ausprobieren und Fehler lernt man immer etwas dazu.

Ich empfehle, sich kleine Ziele zu stecken: ein Maschinenknopfloch nähen, wenn man bisher nur mit Druckknöpfen gearbeitet hat. Sich an eine Jacke trauen, statt immer nur Pullis nähen, usw.

Wer unsicher ist, kann sich in Nähkursen Hilfe holen. Ich besuche seit 20 Jahren regelmäßig Nähkurse.

Planst Du Deine Nähprojekte als Kollektion? Achtest Du auf die Kombinierbarkeit Deiner Garderobe? Hast Du eine Art Leitfaden für Dich (bspw. Farben)?

Meine Nähprojekte habe ich bislang nicht als Kollektion geplant, finde das als neue Herausforderung aber sehr spannend. Ich plane auch nicht übermäßig im Voraus, sondern nähe eher spontan. Früher sind viele Einzelstücke dabei herausgekommen. Heute achte ich darauf, dass die Teile auch kombinierbar sind. Sonst hat man am Ende einen prall gefüllten Kleiderschrank und trotzdem nichts zum Anziehen.

Ist Dir Nachhaltigkeit beim Nähen wichtig und wie definierst Du den Begriff für Dich selbst?

„Nähblogger und Nachhaltigkeit“ – passt das überhaupt zusammen? Wenn man Nachhaltigkeit mit Konsumverzicht gleichsetzt, dann bin ich nicht sehr nachhaltig. Wie die meister Nähblogger besitze ich deutlich mehr Kleidung als nötig. Immerhin versuche ich aktuell, meine Stoffreste zu verwerten statt sie zu entsorgen. Ich habe festgestellt, dass dadurch sogar ungeahnte, kreative Projekte entstehen können, zum Beispiel durch Kombination verschiedener Stoffe.

Einen Teil meiner Stoffe kaufe ich auf dem „Stoffschrottplatz“ in Münster, einem Resteverkauf von Überhangstoffen aus der Bekleidungsindustrie. Aus diesen Stoffen habe ich schon das eine oder andere Lieblingsteil genäht.

Foto: piek&fein

Spiegelt Dein Kleiderschrank auch Deine eigenen Ansprüche wieder? Hast Du noch gekaufte Kleidung?

In meinem Kleiderschrank sind überwiegend selbstgenähte Sachen. Da ich viel nähe, kaufe ich so gut wie keine Oberbekleidung mehr. Ausnahme sind Strickwaren, da ich nicht stricken kann, und ab und zu eine Jeans.

Worauf können wir uns im laufenden Jahr auf Deinem Blog freuen? Hast Du konkrete Pläne?

Beruflich bin ich gerade in FabLabs unterwegs. FabLabs sind offen zugängliche Maker-Werkstätten, in denen digitale Technologien wie 3D-Drucker, Lasercutter aber auch Stickmaschinen benutzt werden können. Es gibt sie in vielen deutschen Städten und weltweit. Ich möchte dieses Jahr nutzen, um dort ein paar Dinge auszuprobieren. Knöpfe aus dem 3D-Drucker, Millimeter genaue Stoffzuschnitte aus dem Lasercutter oder ein Kleidungsstück mit LED-Beleuchtung sind Projekte, die ich schon umgesetzt habe. Neben den „normalen“ Kleidungsstücken möchte ich Euch in diesem Jahr auch gerne zeigen, welche Möglichkeiten die FabLabs uns Hobbyschneidern bieten.

Wo man mich treffen kann:

Website: www.piek-und-fein.de

Instagram: @piekundfein

Facebook: @piekundfein

… regelmäßig auf dem MeMadeMittwoch-Blog

… gerne auf einen Kaffee oder eine Shopping-Tour zum Stoffschrottplatz in Münster (einfach melden, wenn Ihr mal in Münster seid)

Buch- und Produktempfehlungen von Julia sind in meinem Shop zu finden und entsprechend gekennzeichnet.

2 Kommentarte
  1. Birgit Schreck 5 Monatenvor
    Antworten

    Hallo Anke, lieben Dank für das Interview mit Julia. Ich habe es mit Freude gelesen. Insgesamt eine tolle Idee von dir. Liebe Grüße Birgit.

  2. Bei Julia bewundere ich den Wagemut für ausgefallene Schnitte und die Stilsicherheit. Feines Interview, herzlichen Dank Euch beiden! Liebe Grüße, Gabi

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