Second-Hand-Liebe der Sewionista

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Im Mai begrüße ich als Interviewpartnerin wieder eine Bloggerin, der es neben dem Nähen die Second-Hand-Mode besonders angetan hat. Außerdem hat Sie im letzten Winter immer wieder tolle Bilder zu ihrer ganz persönlichen Capsule Wardrobe auf ihrem Instagram-Account gepostet. Gebrauchte Kleidung wird hier klassisch und stilvoll mit selbstgenähten und hochwertigen Teilen kombiniert. Ich finde die Mischung ausgesprochen gelungen und freue mich, heute die liebe Julia von Sewionista bei mir hier zu begrüßen.

Du bist ja beruflich in der Modebranche tätig. Was treibt Dich dennoch an, auch privat nicht vom Thema zu lassen?

Gerade durch meine Arbeit in der Modebranche bekomme ich einiges mit und auch wenn ich bis jetzt bei Firmen gearbeitet habe, die größtenteils nachhaltig agieren, kann man doch nicht die Augen vor den Schwachpunkten der Modebranche verschließen. Trotzdem kann ich nicht ganz von der Mode lassen und es macht mir auch Spaß eine Designidee in ein verkäufliches Produkt zu verwandeln. Die Mode ist für mich außerdem ein wichtiger Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und ein gelunges Outfit kann meine Laune und Selbstbewußtsein deutlich heben. Bei meiner eigenen Mode ist es mir jedoch wichtig einen Gegenpol zu den Praktiken der konventionellen Modebranche zu setzen und diese nicht durch mein Kaufverhalten zu unterstützen.

Gerade die schnelllebige Modebranche steht ja im Widerspruch zum Slow-Fashion-Nähen, dem Du Dich privat widmest. Was reizt Dich besonders am selber produzieren?

Da die Mode immer schnelllebiger und qualitativ minderwertiger wird, ist es mir wichtig, dass meine eigene Kleidung nachhaltiger ist und möglichst lange hält. Außerdem fällt einem nach einiger Zeit in der Branche auf, dass vieles einfach nur geklaut wird und sich die aktuelle Mode doch in jedem Geschäft sehr ähnelt. Daher gefällt es mir, dass ich mir durch das Nähen genau die Teile schaffen kann, die mir gefallen und die sonst keiner hat.

Wie würdest Du Deinen eigenen Stil beschreiben? Was ist Dir wichtig bei der Wahl von Kleidungsstücken bzw. Stoff und Schnitt?

Ich möchte mich bei meinem eigenen Stil gar nicht so festlegen oder dem ganzen einen Stempel aufdrücken. Ich trage das, was mir gefällt und mag Outfits mit leichten Brüchen, wie Blumenkleid mit Lederjacke, damit das Ganze nicht langweilig ist. Mittlerweile setze ich vor allem auf zeitlose Teile ohne viel Schnickschnack oder unnötige Details, da man diese am besten kombinieren und mit Accessoires aufpeppen kann. Bei Stoffen ist mir wichtig, dass es sich vor allem um Naturfasern handelt. Meine Regel ist mindestens 50% Naturfasern und bei Leder setze ich auf echtes Leder, da dieses länger hält und besser altert. Lediglich bei Pelzen mache ich eine Ausnahme und entscheide mich hier für die künstliche Variante, auch wenn diese nicht wirklich nachhaltig ist.

Du kombinierst Deine selbst genähten Kleidungsstücke immer mehr mit Second-Hand-Ware. Wie entscheidest Du, welche Teile Du neu oder gebraucht kaufst und welche Du selber nähst?

Hier entscheidet oft das Können oder das Angebot. Da ich nicht stricken kann und genähte Teile aus Strickstoff doch nicht so schön sind, kaufe ich Pullover, Strickjacken etc. am liebsten Second Hand. Auch Jeans sehen gekauft einfach besser aus, da man selber schlecht die Waschungen imitieren kann. Meine doch recht limitierte Nähzeit ist ein weiterer Faktor, warum ich gerne zu Second Hand Mode greife, wenn ich ein schönes Teil entdecke. Mir gefällt an Second Hand Kleidung, dass es eine regelrechte Schatzsuche ist und man nie weiß, was für ein tolles Teil man vielleicht finden kann. Das macht mir auf jeden Fall mehr Spaß als ein Teil von der Stange zu kaufen, das viele haben.

Ist Upcycling auch Teil Deines Kreativprozesses und wenn ja, was verarbeitest Du besonders gern weiter und wozu?

Ich muss zugeben, dass ich mich erst im letzten Jahr etwas mit Upcycling beschäftigt habe und das leider auch nicht immer von Erfolg gekrönt war. Dabei muss ich erwähnen, dass ich Second Hand Teile komplett auseinander genommen und eher als Stoff betrachtet habe, da es sonst, meines Erachtens nach, schnell nach Bastelstunde aussieht. Natürlich ist es nicht immer ganz einfach aus bereits vernähten Stoffen ein neues Teil zuzuschneiden. Das erfordert doch viel Tetris und geschicktes stückeln.

Collage und Fotos: sewionista.com

Du hast Dich im Winter bewusst einer Capsule Wardrobe gewidmet. Was reizt Dich daran?

Durch die Capsule Wardrobe wollte ich mich selber herausfordern mit weniger klar zu kommen. Das hat erstaunlich gut geklappt und ich war überrascht wie viele neue Kombinationsmöglichkeiten mir eingefallen sind. Meine minimierte Garderobe hat mir zudem Klarheit verschafft und gezeigt, welche Teile meinen Kleiderschrank gut ergänzen würden. Dadurch konnte ich meine Nähpläne auch deutlich gezielter gestalten und habe vor allem Lieblingsteile auf der Liste, die dann sicherlich auch öfter getragen werden. Ich werde auch weiterhin versuchen mit einer Art Capsule Wardrobe zu leben und hoffe, dass ich es vielleicht in der 2. Jahreshälfte auch wieder mehr dokumentieren kann, wenn mein Umzug abgeschlossen ist.

Deine Second-Hand-Liebe ist ja bereits ein großer Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit. Achtest Du auch bei der Auswahl Deiner Garderobe und Deiner Nähprojekte auf Biostoffe und faire Produktionsbedingungen?

Nachhaltigkeit in meinem Kleiderschrank ist mir sehr wichtig. Ich hatte in der Vergangenheit mehrere biofaire Labels ausprobiert und war leider nicht 100% zufrieden, was Passform und Langlebigkeit betrifft. Daher ist Second Hand Mode für mich die bessere und zudem auch nachhaltigere Alternative. Denn bei Second Hand Mode kann ich Labels wählen, mit deren Qualität ich absolut zufrieden bin, auch wenn es sich dabei normalerweise nicht um nachhaltige Labels handelt. Zu meiner Schande muss ich ja gestehen, dass ich bei meinen Nähprojekten doch oft die Augen vor der Herkunft der Materialien verschließe. Die Auswahl an Biostoffen ist mir doch oft zu Basic und Second Hand Stoffe sind eher schwer zu finden. Mein aktuelles Ziel ist es meinen bereits sehr großen Stoffvorrat abzuarbeiten und möglichst wenig Neues und dann möglichst Nachhaltiges zu kaufen. Die ersten 3 Monate habe ich schon einmal ohne Stoffkauf überstanden, mal schauen, wie lange ich noch widerstehen kann.

Bild: sewionista.com

Du veröffentlichst auch eigene Schnittmuster, die einen sehr klaren, klassischen Stil verkörpern. Hast Du Dir die Schnittkonstruktion selbst beigebracht? Und woher nimmst Du Deine Inspirationen?

Die Schnittkonstruktion habe ich während meiner klassischen Ausbildung zur Damenschneiderin gelernt. Ich habe sie zwar nach der Ausbildung jahrelang nicht angewandt, aber es ist doch erstaunlich viel hängengeblieben bzw. kann man das verloren gegangene Wissen zur Not auch mit Büchern auffüllen. Inspirieren lasse ich mich mittlerweile vor allem von Pinterest. Früher habe ich auch viele Modeblogs gelesen, die mich inspiriert haben, aber mittlerweile sind diese mir zu schnelllebig und wenig nachhaltig. Inzwischen setze ich vermehrt auf einen zeitlosen Stil und da finde ich die besten Beispiele bei Pinterest oder Instagram, die mir Inspiration gemäß meinen Vorlieben zeigen.

Gibt es im Jahr 2020 neue Projekte auf Deinem Blog, die Dich begleiten? Worauf kann sich der Leser freuen?

Für das Jahr 2020 steht für mich erst einmal viel Veränderung im Privaten an. Ich habe gerade einen neuen und herausfordernden Job gestartet und demnächst steht ein Umzug in eine neue Wohnung an. Dann werde ich auch endlich wieder ein eigenes Nähzimmer haben, dass ich nach meinen Wünschen einrichten kann. Die Idee der Capsule Wardrobe möchte ich gerne weiterführen, aber dann wohl in der zweiten Hälfte 2020, wenn sich alles etwas eingespielt hat und ich vielleicht die perfekte Ecke zum Fotografieren gefunden habe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Julia hat einen eigenen Blog inklusive Schnittmuster-Shop und einen Instagram-Account (Klick auf Symbol):

Außerdem findet man sie regelmäßig auf dem Stoffmarkt am Maybachufer in Berlin-Kreuzberg und hoffentlich wieder bei Sewing by the Sea organisiert von Alex von Mama macht Sachen.

Buch- und Produktempfehlungen von Julia sind in meinem Shop zu finden und entsprechend gekennzeichnet.

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